Postkoffer „Christel“ – das gelbe Mobil-Shack

Seit längerem keimt in mir die Idee ein „Funkmobil“ zu „bauen“. Hier soll es sich am besten um eine Mischung zwischen Wohnmobil, Männerhöhle und mobilem Amateurfunk-Shack handeln.

Ein erstes Sammeln der Anforderungen ergab folgende Liste:

  • Es soll geräumig sein, idealerweise mit Stehhöhe (die Idee des VW Caddy mit Funkgerät wurde gleich wieder verworfen)
  • Es soll autark sein. (Solar, ein Power-Akku, Wechselrichter und Computerüberwachung incl.)
  • Es soll schneller als 80 Km/h fahren können (Das Wohnmobil auf Peugeot-Basis mit 75 PS Saug-Diesel war definitiv zu schwach …)
  • Es soll unauffällig sein. Weder Einbruch noch neugierige Blicke werden benötigt.
  • Eine Kurzwellen-Antenne soll schnell und einfach aufzubauen sein. (Keine Bälle-Schleudern mit Antennen-Drähten, keine wackligen Konstrukte mit Bodenhülsen und Drähten)
  • Natürlich sollte es nicht so viel kosten. (Anschaffung und Unterhalt sollen sich im Rahmen halten)

Viele Konzepte wurden durchdacht und mit Freunden diskutiert:

Ein Zeppelin Shelter aus ex-Bundeswehr Beständen? Sehr cool, aber wie Transportieren? Hier wird ein Unimog oder LKW mit Ladefläche mit entsprechenden Befestigungsmöglichkeiten benötigt. – Billig ist anders

Ein ausgemusterter Alu-Shelter von Zeppelin.
Ein Zeppelin – Shelter

Anderes extrem: ein VW-Caddy?
Das hätte den Vorteil das er in die Garage oder in den Carport passt. Das sind aber auch schon alle Vorteile…

Ursprüngliches Bild: Von Rudolf Stricker - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2977444
Vielleicht merkt man das ich kein VW-Fan bin

Ein Van?
Vielleicht ein Ford Transit Custom?
Besser, aber auch zu klein und zu „filigran” Stehen kann man darin auch nicht.

Ein ausgewachsener Lieferwagen L2H2?
Jaaa, schon besser, aber teuer im Unterhalt und komplett nackt.
Da muss viel gemacht werden…

Dann ist mir ein Mercedes Sprinter 308cdi aus der Baureihe W903 aufgefallen.
Ein sogenannter Postkoffer auf Basis des Mercedes Sprinter 1 mit einem “Kögel” Koffer-Aufbau.
Der Koffer ist grob 2m x 4m und knapp 2m hoch.

Mein neues Auto, Beim Kauf etwas verwahrlost und ohne Hupe, aber ich päppel die kleine Christel auf.
Ist er nicht wunder-wunder-schön, der 308 cdi (Baureihe W903.6) mit fetten 82 PS ?

So ein Zufall, in Berlin verkauft jemand genau so ein Modell mit Kögel Kofferaufbau, Standheizung (Kühlwasserheizung), TÜV, Fahrbereit und weniger als 150.000 Km Laufleistung.

Lars und ich fahren nach Wedding um das Fahrzeug zu begutachten. Es ist bei einem Wohnungs-Entrümpler als Ersatzfahrzeug im Einsatz.

Erster Eindruck: Es ist einiges zu tun, im Kofferaufbau aus GFK sind einige Macken, aber nichts was nicht selbst zu reparieren wäre. Der Wagen hatte 148500 Km runter und war einfach nur ungepflegt und nie gewartet worden. Einiges kann ich alleine in Ordnung bringen, bei anderen Problemen hatte ich zunächst schnelle und gute Hilfe vom Autoservice Seelke in Seeburg. Hier wurden TÜV relevante Kleinigkeiten wie Hupe, eine dauerhaft leuchtende Airbag Lampe, Bremsen, sowie ein kleines Loch im Kotflügel in Ordnung gebracht.
Später hatte ich Unterstützung von Holger, DH1BUZ, der nicht nur viel Sachverstand, Bier und Grillfleisch spendete. Auch das ein oder andere nützliche Teil oder Teilchen findet an und in dem Wagen eine neue (und teilweise andere) Verwendung und ein neues Zuhause.
Doch dazu später mehr.

Jedenfalls eine perfekte Basis für ein gelbes mobiles Shack

Ein weiterer Vorteil ist, dass bereits nachträglich ein Dieselpartikelfilter (DPF) in den Wagen eingebaut und eingetragen wurde.
Der Postkoffer hat, anders als die anderen Postkutschen, eine grüne Plakette mit einer 4 bekommen und damit freie Fahrt in die Umweltzonen dieser Republik.

Schnell hat war ein Name für das gelbe Mobil gefunden:
Christel von der Post oder einfach nur “Christel”.

Die ersten Arbeiten (Quasi direkt nach der Übernahme)
Tür-Scharniere Ölen und den Wagen mal “freifahren”

Lars und ich füllen auf den 1/4 vollen Tank eine Dose “Diesel-System Cleaner” und fahren Richtung Dessau über die Autobahn. Ich merke das der Wagen nicht richtig zieht und beim Beschleunigen Diesel-Wölkchen zu sehen sind…

Auf dem Rückweg mit frischem (hochwertigem) Diesel sieht die Sache schon besser aus. Ab Tempo 80 kann man auch wieder was im Rückspiegel sehen 🙂
So gebe ich den Wagen beim Autohaus Seelke ab und bekomme nach kurzer Zeit und einigen Ausbesserungen eine neue AU & HU Plakette an die inzwischen eigenen Kennzeichen geklebt.

“Das schlimmste ist gemacht” dachte ich mir noch. Aber jetzt hatte ich erst mal Zeit den Wagen im Detail und ganz in Ruhe anzuschauen.

Rost im Fahrerhaus! – Zum Glück nur oberflächlich.

Es sieht schlimmer aus als es ist. Ich kann den Rost abschleifen, behandle mit Rostumwandler weiter und finalisiere dann mit Rostschutzfarbe.

Bei dieser Gelegenheit Lackiere ich auch gleich den Antennenfuß und bereite alles für die spätere Montage am Heck von Christel vor:

Jetzt geht es an das Entkernen des Innenraumes: Die Regale müssen raus!

Ein Problem gibt es mit den hinteren Türen: Sie sind verzogen und schließen auch nicht gut.
Eine Tür ist Opfer eines Einbruch-Versuches geworden und durch rohe Gewalt krumm, die Seite mit dem Schnapper und der Falle ist einfach abgenutzt. Der Schnapper braucht mehr “Futter”.

Die Falle unten mit neuem Alu.
Die Falle am oberen Rand des Rahmens

Zusammen mit Holger fertige ich die Teile an und niete sie ein; bohren, nieten und flexen sind inzwischen meine Spezialitäten 😉

Christel und Manni (v.r.n.l.)

Am selben Abend

montieren wir provisorisch dem Antennenkasten. Hier fehlt aber noch ein Satz richtiger Schrauben sowie eine Gegenplatte für innen. Damit wird die ganze Sache dann stabil.

Langsam kann man schon Veränderungen erkennen.
Nachdem der Antennenfuss installiert ist, hänge ich den Tuner mal provisorisch an die Schrauben und schließe die Masse vom Tuner an die Kupferbleche an. (Die Bleche sind leitend mit der Außenkiste und dem Antennenanschluss innen verbunden. Der Stab (die eigentliche Antenne) ist über einen Porzellan-Isolator oben auf der Außenkiste mit einer N-Buchse im inneren verbunden.
Das Kabel zwischen N-Buchse und Eingang des Tuners ist nur in der Mitte angeschlossen.

Dann geht es an das Entfernen der letzten Nieten und Halter der ehemaligen Regale.
Zur Dämmung nehme ich 30mm Styropor Platten, die Holger und ich zwischen ein Gerüst aus 25mmx30mm Latten kleben.


Dann beginnen Holger und ich in einer unglaublichen Teamarbeit die Vinyl-Laminate zu sägen und an die Wand zu bringen.

An einem Abend die eine Wand, dann einige Tage später die andere Wand.
An dieser Stelle nochmals ein “Danke” an Holger – DH1BUZ.

Die Rückwand der Fahrerkabine habe ich auch schon gestrichen.
Am 20.3. wurde dann der Boden zugeschnitten und eingesetzt.

Start des Innenausbau

Der nächste Schritt war das Anpassen von Schienen zur “Ladungssicherung”. Diese -eine großzügige Spende von Holger- wurden auf Länge gebracht und dabei fast nicht in den Tisch geschnitten… (Andere Story, aber lustig)

Nicht so schwer wie eine vergleichbare 350 AH GEL Batterie, aber mit 20 Kg trotzdem ein Klopper…
Sicherung an C-Schienen mit Lochband und Anti-Rutsch

Die nächsten Schritte sind der Einbau der elektrischen Komponenten zur Stromversorgung.
Ich habe mich da auf Holgers Rat verlassen und Geräte von Victron angeschafft.

Die Gleichspannung

wird durch 3 Stück SENEC.Solar 340M HC G2.1Solar-Panels erzeugt.
Jedes Panel kann bis zu 340 Wp erzeugen. (Datenblatt) Gekauft habe ich die Module bei der Solarmeisterei.

Die kleinen Leistungen mit Wechselstrom in der Christel werden durch einen Wechselrichter Victron Phoenix 12V-375 VE als reiner Sinus erzeugt.
Dieser ist für Leistungen bis 375 VA (Dauer) und 700 W Spitze gedacht. (Technische Daten zum Victron 12V375VE gibts hier)

Höhere Leistungen mit Wechselstrom (von 500 W bis 2 KW und sogar 4 KW (Peak)) werden durch einen Wechselrichter aus China erzeugt. (Technische Daten zum China-Kracher “Flamezum” mit LCD und Fernbedienung )

Zur Visualisierung und Darstellung der Ströme verwende ich den Victron Energy Smartshunt 500A/50mV.
Der SmartShunt ist ein Alles-in-einem-Batteriewächter, nur ohne Display. Mein Smartphone fungiert hierbei als Display.
Der Victron Energy Smartshunt verbindet sich per Bluetooth mit der VictronConnect App und ich kann alle Batterieparameter, wie Ladezustand, Restlaufzeit, Verlaufsinformationen und vieles mehr bequem auslesen.

Das wichtigste ist natürlich der Solar – Laderegler: Hier habe ich den Victron Smartsolar MPPT Laderegler 100/30 30Ampere 12V inklusive Bluetooth ausgesucht.

Der Solar Laderegler bis 30A und 100V

Doch vor dem Einbau der Elektronik muss ein Rahmen auf Christels Dach um die etwas über 60 KG schweren Module aufnehmen zu können.


Die Panels

selbst werden miteinander verbunden und liegen dann knapp 30mm über dem Fahrzeugdach auf dem inneren Rahmen auf. Das hat den Vorteil das die Zellen unterlüftet sind. (Der Wirkungsgrad ist bei kühleren Zellen besser als bei warmen Zellen).
Auch habe ich dann in der prallen Sonne ein zweites Dach um die Hitze etwas vom Innenraum abzuhalten. (Wer weiß, vielleicht läuft mir ja noch mal eine Klimaanlage über den Weg… Energie spielt ja bald keine Rolle mehr.)

Zur Befestigung des Gestells auf dem Dach nutzen wir die inneren Streben im Wagen. Der Rahmen wird an 4 Punkten mittels selbst hergestellter Bleche aus Alu durch die Außenhaut und die Streben mit jeweils 2 Stück Schloßschrauben (M10 x120) mit dem Wagen verbunden.
Der Rahmen selbst ist an 4 Stellen mit je 2x M8 Schraube mit den Blechen verbunden.

Klingt kompliziert, ist es bei Anschauen aber gar nicht.
Heute, am 26.3.21, habe ich die (provisorisch) angebrachten Maschinen-Schrauben durch die finalen und längeren Schloßschrauben ausgetauscht und dabei alles mit Sikka-Flex -meiner Dichtmasse des größten Vertrauens- versiegelt.

Der nächste Arbeitsschritt wird das Befestigen und Verkabeln der Module untereinander und mit dem Innenraum sein.

Es war nicht gerade einfach, aber noch vor Ostern haben Holger und ich die Module einzeln aufs Dach gebracht und miteinander verbunden. Vorn und hinten am “Modul-Paket” haben wir ein kleines Blech oben über die Modulränder und den Rahmen gesetzt. Abheben geht so nicht.
Jedes Modul ist zudem seitlich mit einem Blech und je 4 Popp-Nieten am Rahmen befestigt. Somit können die Module sich nicht verwinden und auch bei schneller Fahrt (Christel rennt inzwischen bis zu 110 Km/h!) abheben.

Der erste Test hat die durch einen Funkeinsatz leicht entladene Bordbatterie trotz untergehender Sonne mit 230 W schnell vollständig aufgeladen.

Screen-shot aus der Victron App.

Das ganze sieht jetzt so aus:

Das nächste Teilprojekt, nämlich die Heizung startet direkt am kommenden Nachmittag:

Ich habe eine Diesel Standheizung aus russischer Produktion der Marke Planar gewählt.
Ich habe mich nach einigen Recherchen für das Modell “Planar/Air 44D (4kW)” entschieden, wobei zu bemerken ist das die Planar 44D heißt jetzt “Autoterm Air 4D 12V” heißt.
Bei diesem Modell kann man zu der Heizung selbst verschiedene Bedienteile und Optionen dazukaufen. Ich habe mich für das einfachste Bedienteil entschieden, weil ich glaube das dies am einfachsten zu bedienen ist und am wenigsten kaputt gehen kann.

Bei der Dieselpumpe habe ich mich für die “neue” Version mit extra leiser Pumpe entschieden. Hierbei ist zu bemerken das es eigentlich gar keine Dauerpumpe, sondern eher ein Magnetventil ist. Dieses Magnetventil wird durch die Elektronik der Autoterm bei Bedarf aktiviert und saugt so die benötigte Menge Diesel zur Heizung.

Also, nicht lange fackeln: Bestellt und kurze Zeit später kam sie auch schon an.

Die Planar 44D heißt jetzt Autoterm Air 4D 12V
Wichtig: Erst mal die Vollständigkeit der Teile prüfen.

Der Einbau der Autoterm Air 4 geht erstaunlich schnell,

denn es muss nur im leeren Wagen ein Platz gefunden werden bei dem unter dem Boden entsprechend Platz für Frischluft und Abgasleitung ist. Die Dieselleitung selbst ist eine sehr dünne Kunststoffleitung mit vergleichsweise geringem Querschnitt.

die Autoterm Air 4D

Auf der rechten Seite ist die Ansaugung und auf der linken Seite kommt dann die Warme Luft heraus.
Zusätzlich zur erwärmten Innenluft werde ich noch etwas Außenluft beifügen um auch Frischluft beim Heizen mit einzubringen.

Weil ich mich nicht traue die Dieselleitung vom Tank zu kappen, ist der erste Test mit einer provisorischen Leitung aus dem Tank trotzdem erfolgreich.

Gleich nach Ostern werde ich beim Autoservice Seelke in Seeburg vorstellig. Vielleicht kann man den Bypass ja ambulant einsetzen…

To be continued…stay tuned

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