Paris des Ostens – eine Reise nach Beirut

(09/2020) Man hört so viel vom Paris des Ostens. Eine Reise nach Beirut war schon lange mein Plan. Im November 2019 ist es dann soweit, ich fliege von Berlin-Tegel über Istanbul nach Beirut. Warum? Ich habe Zeit, das libanesische Essen lag mir schon immer und im “Paris des Ostens” war ich noch nie.

Der erste Flug ist gerade mal halb voll besetzt. Türkisch Airlines setzt ein modernes und sauberes Flugzeug ein.
Wie üblich setze ich meine Noise-Cancelling Kopfhörer auf und schlafe ein.

Paris des Ostens - eine Reise nach Beirut

Wir landen pünktlich in Istanbul und ich erkunde etwas den Flughafen. Pünktlich geht es dann weiter mit ME2826 nach Beyrut.
Wieder Türkish Airlines . Wieder ein tolles Flugzeug. Alles sauber, alles neu.

Landung in Beirut

Erster Eindruck: Toller Flughafen. Nicht so groß, aber in sehr gutem Zustand. Ein arabischer Passagier beschwert sich das es mit dem Gepäck 15 Minuten dauert.
Er war vermutlich noch nie in Berlin Tegel oder ist mit Airberlin geflogen (oder sogar beides) und hat auf Gepäck gewartet.

Ich scheine der einzige westliche Tourist zu sein.

Die Einreiseformalitäten sind anders als in Ägypten oder Jordanien.
Ich werde befragt wo ich wann war, wo ich hin will, mein Pass wird aus der Hülle genommen und zwei Aufkleber, die außen am Pass und innerhalb der Hülle waren entfernt. (Mehrere kleine gelbe Aufkleber die man jeweils bei der Einreise in Israel außen aufgeklebt bekommt).

Der Grenzbeamte kann nicht glauben dass ich als Tourist hier bin.
Er fragt mich was genau ich sehen möchte.
Ich habe zum Glück noch ein Werbemail mit Sehenswürdigkeiten in und um Beirut im Posteingang des Smartphones. Zum Thema Stadtrundfahrt sagt er mir: “Das geht nicht”.
Ich soll das ein anderes Mal machen. Von allen anderen Aktivitäten rät er mir ab. Sein Vorschlag ist: Am besten im Zimmer bleiben und das TV genießen. Klaro – Darum bin ich hier…

Überall das Gleiche

Draußen, vor dem Airport, geht der Kampf der Taxifahrer um den einzigen ungläubigen Fahrgast los.
Tumultartige Szenen, ein Fahrer greift meinen Koffer und mich und zieht mich weg.
Da können sich deutsche Taxifahrer mal eine Scheibe abschneiden…
Früheren Erfahrungen folgend, hatte ich mich zuvor in einem Laden innerhalb des Flughafens erkundigt was eine Taxifahrt nach Beyrut-Hamra kostet. Dann fragte ich was ein einheimischer bezahlen würde. Im Wagen mache ich dem Fahrer klar, dass ich maximal 25 US$ bezahlen werde.

Wichtiger Satz: ‘ana last ahmaq — أنا لست احمق — Ich bin kein Idiot

Der Airport von Beirut liegt nur kurz außerhalb der Stadt, keine 15 Minuten zu fahren. Wir fahren trotzdem schnell, teilweise mit 130 km/h durch die Stadt. Anders als z.B. in Kairo sind kaum Autos unterwegs, wenig Menschen auf der Straße.
Am Hotel angekommen, werde ich bereits erwartet und mit Namen begrüßt. Das Hotel scheint nicht voll ausgelastet und man freut sich auf jeden Gast. Das Zimmer ist o. k. aber das wichtigste ist: die Klimaanlage funktioniert. Jetzt ich möchte nur etwas essen und dann schlafen.

Dienstags in Beirut

Ich wache auf und freue mich das ich frei habe. Liege im Bett und höre Musik.

Zum Frühstück müsste ich mich motivieren aufzustehen. Ich lasse es ausfallen. In Beirut braucht man keine Angst zu haben hungrig zu bleiben.

Irgendwann stehe ich auf und laufe los.
Die Straßen sind nicht voll, im Vergleich zu anderen arabischen Städten eher leer. Obwohl sich der Bezirk Hamra im Zentrum befindet. Vergleichsweise viel Polizei und Militär ist auf der Straße zu sehen.
Das ist komisch. Anders als in Israel wo man auch viel Militär sieht.
Mit Sicherheit bin ich keine Sekunde unbeobachtet.

Ich laufe erst einmal ziellos durch die Straßen, erkunde die Gegend und gönne mit gelegentliches Stehenbleiben und beobachten.

An einem Kiosk trinke ich einen unglaublich süßen Kaffee. Doppelt so teuer wie angegeben, dafür darf ich auf dem Sessel vom Chef sitzen.

Nachmittags bin ich zurück am Hotel und lege mich hin. Total erschöpft, so viele Eindrücke. Auf einmal ist es 19:00 Uhr und ich wache auf. Ich brauche etwas um wach zu werden und breche dann auf zum BarBar Grill, meinem Basislager.

Paris des Ostens – eine Reise nach Beirut ist auch kulinarisch

Nach dem Essen laufe ich durch die Straßen. Hier in Hamra ist es ruhig, leer und sauber.
Ganz anders als ich mir die Stadt vorgestellt habe.
An der Rue Rebeiz ist ein Coffee Shop. Ich nehme einen Kaffee mit Milch und sitze auf der Straße .

Auf dem Weg nach Hause gehe ich zum Kiosk um Wasser zu kaufen. Im Fernsehen läuft ein Live-Bericht aus dem Norden Beiruts.

Die Menschen sind unzufrieden. Autos werden zerstört, Scheiben gehen zu Bruch. Der Kiosk- Mann meint es wird eine Revolution geben.
Alles läuft über Vetternwirtschaft, Leute sitzen auf Posten für die sie nicht geeignet sind.
Zeitweise ist Benzin knapp. Luxusartikel oder Technik ist, wenn überhaupt, nur für US-Dollar zu bekommen.

Mittwoch in Beirut

Ich schlafe wieder lange, verpasse das Frühstück wieder. Egal, ein Nescafe auf der Straße reicht mir heute.

Ich wandere Richtung Meer. Keiner nimmt Notiz von mir. Jedenfalls scheint es so.

Ich treffe auf Angler, komme ins Gespräch. Es geht um die Lage im Land und die Schere zwischen arm und reich. Er berichtet von Vetternwirtschaft und Leuten auf falschen Positionen. Klare Worte aus dem Volk.

Bassem angelt winzige Fische, die man komplett frittiert.

Als ich einen Fisch berühre, werde ich von der Rückenflosse „gestochen“. Es tut ziemlich weh. Ich drücke soviel Blut wie möglich raus und spüle mit Wasser ab. Dann wird es besser.

Flugblatt

Gegen Abend bin ich zurück am Hotel. Nach einer kurzen Pause bis 22:00 Uhr gehe ich los und laufe durch die Nacht auf der Suche nach Shawarma…

Donnerstag in Beirut

Ich schlafe lang und wache entspannt auf. Lange duschen macht gute Laune. Ich gehe runter auf die Straße etwas entlang und finde was zum Frühstück. Heute laufe ich in Richtung Hafen. Beirut hat einen übersichtlichen aber schönen Yachthafen. Teile des Hafens sind militärisch genutzt, Teile sind zivil.
Eher eine komische Stimmung hier.

Ich mache einige Fotos mit dem Telefon und werde sofort von einem Polizisten angesprochen. Sehr deutlich.
Ok, dann keine offiziellen Fotos mehr.

Ein Stück weiter sind im Yachthafen wieder Angler.
Ich schaue zu, genieße die Sonne und vergesse die Zeit.

Marina Beirut

Die Zeit verfliegt, der Tag ist warm und sonnig, irgendwann nehme ich ein Taxi zum “Rocky Point”.

Ich fühle mich gut, klettere die Felsen bis zum Wasser herunter und sitze auch hier einige Minuten im warmen Wind.

Dann, nach einigen anstrengenden Minuten klettern und Bergauf gehen bin ich wieder auf der Straße.

Ich setze mich in ein Café, nehme ein Kaltgetränk und freue mich an der Aussicht.

Auf der Straße spricht mich ein Taxifahrer an. Ich kann gut mit ihm handeln, er hat Humor und er fährt mich nach Hamra zurück. Morgen wollen wir nach Tripoli und Baalbeek fahren. 40 USD haben wir schon ausgehandelt. Um 9 treffen wir uns vor dem “Golden Tulip” Hotel.

Eine gute Gelegenheit das Hotel-Frühstück zu testen….

Beirut, Bybloss, Tripoli

Ich stelle den Wecker geht um 7:15 Uhr. Duschen, anziehen los. Ich gehe straight zum Golden Tulip Hotel und melde mich zum Frühstück.
Das Frühstück ist ganz o. k., wobei es nur eine Thermoskanne mit Kaffee für alle Leute gibt. Viele trinken aber Tee, so dass ich eine Tasse Kaffee ab bekomme. Läuft!

Pünktlich ist der Fahrer da. Mir fällt auf dass der Wagen nicht voll getankt ist, sondern im letzten Drittel fährt. Wir fahren zunächst nach Bybloss.

Von Bybloss geht es weiter nach Tripoli.

Tripoli erinnert mich sehr an Ramallah, aber nicht so voll und so belebt. Überhaupt kommt mir alles weniger voll vor.
Unterwegs fahren wir vergeblich zwei Tankstellen an um zu tanken. Bei einem der Checkpoints unterwegs erfahren wir das es hinter Tripoli wieder Benzin geben soll.

In ganz Beirut und Umgebung gibt es heute offenbar kein Benzin.
Wenn es denn Benzin gibt, ist die Menge limitiert und der Preis fix (20.000 Pfund für 8l)

Später halten wir dann an jeder Tankstelle und füllen 5l Wasserbehälter auf.
Eine hübsche Bombe wächst im Kofferraum.

An vielen Stellen steht Militär, teilweise mit modernen Gewehren, teilweise mit alten AK47 und uralten Panzern.

Wir fahren weiter nach Baalbeek. Hierzu geht es auf ca. 1500 m in die Berge. Wir passieren einen Wintersport-Ort. Am Ortseingang wieder ein Checkpoint, mitten im Nirgendwo. Zwei Soldaten stehen an einer Art Telefonzelle. Kein Fahrzeug, kein Haus.

Die Temperatur geht bis auf 4 Grad herunter.
Teilweise sehe ich bei waghalsigen Manövern das Weiße im Auge der anderen Autofahrer, aber mein Taxifahrer, sein Name ist Majd, hat aber alles in Griff.

Auf dem Weg zurück kommen wir an syrischen Flüchtlingslagern vorbei. Die ganze Stadt ist voll mit Flüchtlingen. Die Grenze zu Syrien ist nur ca 30 km entfernt.

Rückfahrt nach Beirut

Kurz vor Beirut kommen wir in eine Protest-Demonstration. Die Polizei sperrt alles ab, aber sind schon mittendrin. Majd reagiert besonnen und um- und durchfährt demonstrierende Menschenmassen. Kein Stein trifft das Auto. Was soll schon passieren, schließlich haben wir im Kofferraum genug Benzin für alle dabei.

Irgendwann am Abend sehe ich im TV: Auch in Beirut wird demonstriert.
Aber friedlich, natürlich und unter Polizeiaufsicht…

Ich rufe Majd nochmal an, will eine Fahrt zum Flughafen für den kommenden Sonntag klarmachen. Aber beim Nachschauen bemerke ich das der Flug schon morgen geht…

Puh. Glück gehabt…

Der Heimflug

Hier muss ich nicht viel schreiben. Die Reise war toll, der Libanon ist ein tolles Land und die Gastfreundschaft der Menschen ist überragend.
Ich komme sicher wieder (vielleicht eine Männerreise ?!) und hoffe, das sich einige Probleme bis dahin gebessert haben.

Paris des Ostens – eine Reise nach Beirut ist zu Ende, aber die Erinnerung daran bleibt.

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